Sie kamen bis Konstantinopel (Historische Romane Von Zabern)

  • Preis: EUR 19,90
  • Autor: Frank S. Becker
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seitenzahl: 382
  • Verlag: Philipp von Zabern
  • Leserbewertung:

Leserbewertungen:

Kino im Kopf - dieses Buch ist spannend und bildgewaltig geschrieben.

Der überaus gelungene Roman zeigt auf, wie eine ursprünglich durchaus sympathische Figur wie der Mönch Padraich zum Fundamentalisten wird, der starre Dogmen über das Mitgefühl stellt. Wenn man befremdet über diesen Wandel nachdenkt, muß man sich vor Augen halten: Dieser Padraich ist ein Kind seiner Zeit und er trägt am Joch seiner Überzeugungen! (Allerdings kann der Ire im Laufe der Geschichte noch so manchen Punkt sammeln.)

Nur Autoren historischer Romane, die keine tiefere Ahnung von der Zeit haben, über die sie schreiben, lassen ihre Protagonisten denken und fühlen (manchmal sogar sprechen) wie einen Menschen unserer Zeit. Solche Fehler sucht man auch in Frank S. Beckers drittem Buch vergebens. Bravo!

Die zweite Hauptfigur, Daud, steht dem Iren an fundamentalistischer Denkungsart in nichts nach; die Funken an Sympathie, die der Leser für ihn entwickelt haben mag, verglimmen schnell zu Ascheflocken und Pelagias Flucht aus seiner Gewalt gehört zu den Spannungshöhepunkten des Buches. Aber auch Dauds Charakter ist nicht nur düster gezeichnet. Zwischen den Zeilen liest man hier die Botschaft heraus, daß fanatische Einstellungen, ganz gleich welcher Couleur, immer menschenfeindlich sind und sowohl den Fanatiker als auch sein Opfer um das Leben betrügen. Überhaupt lebt der Roman - wie die meisten guten Geschichten - davon, wie sich seine Protagonisten verändern, wie das Leben ihnen den Stempel aufdrückt und wie sie damit umgehen.

Ganz anders als der Priester und der Krieger entwickelt sich die eigentliche Haupfigur, Pelagia: Sie wandelt sich von einer anmaßenden höheren Tochter zu einer Frau, die in Komplotte hineingezogen und als Sklavin verschleppt wird, an der sich aber unsere beiden Fundamentalisten (zur Freude des Lesers) die Zähne ausbeißen. Der emotionale Höhepunkt liegt für mich in den letzten Seiten des Buches. Nein, nicht daß sich Pelagia und ihr irischer Priester doch noch kriegen - das wird ja überaus geschickt offengelassen -, sondern der Tod des Urso, eines schlitzohrigen, liebenswerten Gesellen, der Pelagia immer ein treuer Freund war.

FAZIT: Gut entwickelte und lebendige Figuren, tadellose Recherche (soweit man das als Laie überhaupt beurteilen kann), ein furioses Finale mit "Griechischem" Feuerwerk und vor allem der Mut, in eine weitgehend unbekannte Epoche einzutauchen.




Verquickung historischer Ereignisse und dichterischer Fiktion gelingt perfekt

Das siebte Jahrhundert unserer Zeitrechnung war gekennzeichnet von vielen entscheidenden Umwälzungen. Die dunklen Zeiten der Völkerwanderungen in Europa waren weitgehend beendet und die neuen Mächte begannen sich zu konstituieren, aber auch gegenseitig zu bekämpfen. Der Islam wurde geboren und trat einen Siegeszug durch die von inneren und äußeren Kriegen stark geschwächten Länder des Mittelmeeres an.
Zu dieser Zeit siedelt der Autor seine Geschichte an. Er lässt die Lebenslinien dreier Menschen sich berühren und ein Bild dieser Zeit entstehen. Dabei beginnt er zunächst mit dem Schluss. - besser gesagt: mit dem Anfang vom Ende. Denn wie es ausgeht, schildert der Autor natürlich dann erst wirklich am Ende des Buches. Zwischen diese beiden Teile fügt er die Geschichte dreier Charaktere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Da ist der verschlossene, weltfremde Mönch und Priester Patricius (oder Padraich, wie er in seiner Heimat Irland heißt), die aus reichem Haus stammende Römerfrau und der aus ärmlichen Verhältnissen kommende Sohn der Wüste. Dabei sind die Charaktere nicht eindeutig schwarz/weiß oder gut/böse. Gerade Pelagia schwankt zwischen verzogener Göre und machtbesessener, herrschsüchtiger Frau in einem Extrem und mutiger, entschlossener Christin. Schließlich muss sie alle Höhen und Tiefen des Lebens durchmachen. Dabei ist sie opportunistisch und auch als Sklavin der Sarazenen stets auf ihr eigenes Wohl bedacht und verliert nie ihr großes Ziel - Macht, Ansehen und Reichtum - aus den Augen. Wobei es ihr zunächst herzlich egal ist, wer ihr dies bieten kann.

Neben diesen Hauptfiguren gibt es einige wundervollen Nebenfiguren, die meist etwas Humor in die Erzählung bringen. So zum Beispiel der ständige Begleiter Urso, der immer einen Spruch Salomos auf den Lippen hat, was leider nicht immer zur Situation passt.
Das Erzähltempo ist unterschiedlich. Wird die Kindheit des Iren im Kloster noch ausführlich geschildert, setzt die Erzählung bei den anderen beiden Figuren viel später ein und schreitet auch schneller voran. Über die Zeit des siebten Jahrhunderts ist wenig Quellenmaterial verfügbar. Doch hat man den Eindruck, dass der Autor alle gesicherten Daten in den Roman drängt. Da sind die Kämpfe um die Nachfolge Mohammeds, das Martyrium des Heiligen Emmeran, schließlich der Abwehrkampf der Christen gegen die Muslime. Der Roman wartet mit einer ungeheuren Detailfülle dieser Zeit auf, was sich aber harmonisch zu einem Gesamtbild zusammenfügt. Die Schilderung dieses facettenreichen Bildes der damaligen Zeit geht aber zu Lasten der Spannung, obwohl die Ereignisse selber meist schon dramatisch genug waren. Die Figuren machen im Laufe der Erzählung gewaltige Entwicklungen durch und sind sehr vielschichtig ausgearbeitet. Fieberte und bangte man noch mit einer Figur mit, so verdammt man wenige Seiten später ihre Handlungen und freut sich über deren Fehlschläge.

Fazit: Ein historischer Roman, der die Zeit des siebten Jahrhunderts in ihrer Gesamtheit wunderbar einfängt. Die Verquickung historischer Ereignisse und dichterischer Fiktion gelingt perfekt. Man wird sehr gut unterhalten und bekommt einen kleinen Einblick in diese bewegte Epoche, der Lust auf mehr macht.

Gekonnt erzählter Roman, abseits von ausgetretenen Pfaden

Frank Beckers Roman spielt im siebenten Jahrhundert - einer Epoche, die Autoren historischer Romane zumeist völlig links liegen lassen. Zu Unrecht, finde ich, denn dieses früheste Mittelalter mit seinen wandernden Völkern und erstarkenden monotheistischen Religionen hat es in sich und steckt voller Geschichten. Es ist eine Zeit unvergleichlicher Umbrüche und Veränderungen, als würden die Karten der Welt neu verteilt. Frank Becker ist es auf sensible, kundige Weise gelungen, von der bewegten, ja gehetzten Farbigkeit dieser Epoche sehr viel einzufangen.
In Karthago beginnt der Roman und entwickelt sich rasch zu einer Art frühmittelalterlichem Road Movie, denn die Protagonistin reist in das verfallende Rom, und auch ansonsten ist in diesem Roman viel vom Reisen die Rede, von Sehnsucht, von Aufbruch. Damit spiegelt der Autor meines Erachtens ein Lebensgefühl der Zeit eindringlich wieder. Die wechselnden Schauplätze werden alle detailliert und gut vorstellbar geschildert, sodass man sich lesend selbst ein wenig auf der Reise fühlt.
Die Geschichte ist nicht immer leicht zu lesen - drei Handlungsstränge und einige Zeitsprünge verlangen vom Leser Konzentration. Frank Becker hat seine Fäden jedoch gut im Griff, die Struktur des Romans ist ausgesprochen schön, somit folgt man ihm gern und findet sich schnell ein. Seine Figuren kommen selten gefällig und glatt daher - sie sind eher kantig und sperrig, was mir besonders gefallen hat. Vor allem von unvergesslichen, kauzig-originellen Nebenfiguren wimmelt der Roman - wobei mich durchgehend die Männer mehr überzeugen als die Frauen.
Die kulturellen Gegensätze, die immer wieder Katalysatoren in der Geschichte bilden, sind in meinen Augen kompetent, verständlich und glaubwürdig dargestellt, die Handlung ist schlüssig erzählt, und wie das Schicksal der drei Hauptfiguren verwoben ist, das ist einfach nur gekonnt gemacht und reißt den Leser mit. Ich habe weite Teile des Buches mit großer Spannung gelesen und wollte gar nicht aufhören. Die angemessene Sprache, die sich nicht in den Vordergrund drängt, tut ein Übriges.
Was mir vor allem aber an Beckers Roman imponiert hat, ist die Fähigkeit, auf praktisch jeder Seite Interesse an seiner gewählten Epoche zu wecken und Lust darauf zu machen, selbst weiterzuforschen und das faszinierende siebente Jahrhundert näher kennenzulernen. Das schafft ein Autor nur, wenn er sich durch engagierte Recherche auf ganz sicherem Parkett bewegt, sich für sein Thema begeistert und richtig gut erzählen kann.
Für mich ein Geheimtipp des Genres - ein wirklich historischer" Roman, der zudem noch sehr ansprechend ausgestattet ist. Ich kann Sie kamen bis Konstantinopel" jedem, der Lust hat, ausgetretene Pfade zu verlassen und sich auf Neues einzulassen, nur wärmstens empfehlen.

Ein außergewöhnliches Buch über eine außergewöhnliche Zeit

Frank S. Becker ist hier ein tolles Buch gelungen. In schöner Sprache erzählt er detailreich eine spannende Geschichte aus dem 7. Jahrhundert, einer Zeit, aus der wenige Historische Romane berichten. Man merkt dem Werk die sorgfältige Recherche an, im Anhang findet sich außer einem Nachwort über die einzelnen Kapitel eine Zeittafel, ein Glossar, eine Liste der geographischen Bezeichnungen, eine Literaturauswahl, eine Karte der Wanderwege der Protagonisten und eine Karte Konstantinopels im 7. Jahrhundert. Alles was das Leserherz begehrt, so verwöhnt wird man nicht oft. Die überraschende Wende am Ende des Buches hat mir besonders imponiert, gerade zu diesen Themen agieren Autoren oftmals zu zögerlich, zu zimperlich.

Ein Punktabzug deshalb, weil die weibliche Hauptfigur Pelagia sprunghaft und berechnend und wenig glaubwürdig daherkam (im Gegensatz zu den männlichen), sie konnte mich nicht für sich einnehmen.

Europa im Umbruch

Frank S. Becker breitet vor dem Leser das 7. Jahrhundert aus, beschreibt das zarte Pflänzchen einer neuen westlichen, christlichen Kultur, die zerfallene antike Welt und den rasanten Aufstieg der islamischen Eroberer, denen es jedoch nicht gelingt, die letzte Bastion der Antike, Konstantinopel, einzunehmen. Die Figuren stehen stellvertretend für diese drei Welten. Der irische Wandermönch Padraich, die junge Römerin Pelagia aus Karthago und Daud, der Araber aus Medina, der zum Flottenkommandant aufsteigt. Aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen kommend folgen wir ihren einzelnen Lebenswegen, die sich unterwegs berühren und wieder trennen, bis sie sich in der Schlacht um Konstantinopel erneut begegnen, wo sich ihr gemeinsames Schicksal erfüllt.
Besonders originell ist, dass die Figuren in gewisser Weise den Faden darstellen, der den Leser durch die wichtigen geschichtlichen Stationen dieser Epoche zieht. Angefangen von der Legende des Heiligen Brendan, über das verfallende Rom, der Ermordung des Kalifen Uthman in Medina sowie des byzantinischen Kaisers Konstans auf Sizilien, bis hin zur Belagerung Konstantinopels und der Zerstörung der arabischen Flotte durch das griechische Feuer. Die Figuren und ihr fiktives Schicksal mit den vielen spannend erzählten Episoden stellen sozusagen den Katalysator dar, um den Leser mit der Epoche und seinen entscheidenden Ereignissen, teilweise auch Überlieferungen und Legenden, vertraut zu machen. Ein ungewöhnlicher, aber sehr gelungener Ansatz, dem Leser diese Zeit zu vermitteln, über die man üblicherweise sehr wenig weiß, die aber grundlegend den Charakter des Mittelmeerraums verändert und geprägt hat, sodass man beim Lesen ständig versucht ist, noch mehr über die eine oder anderen historische Begebenheit zu erfahren.
Dieser Roman, der so anschaulich den schleichenden Untergang der antiken mediterranen Welt erzählt, hat mich sehr beeindruckt und ich kann ihn nur wärmstens empfehlen.

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